Johannes Korten

Vereinbarkeit vereinbaren! Eine persönliche Betrachtung.

Die ersten Zeilen dieses Artikels, der an der einen oder anderen Stelle durchaus etwas emotionaler ausfallen könnte, schreibe ich im Zug. Das wäre an sich nichts Erwähnenswertes, wenn es um die Entstehung meiner Blogtexte angeht, doch diese Zugfahrt steht in enger Verbindung mit dem, worum es im folgenden wird: Vereinbarkeiten. Und zwar vor allem jene, die den schmalen und fragilen Grat zwischen Berufs- und Familienleben betreffen.

Ich wollte in dieser Woche eigentlich auf der re:publica, Deutschlands größter Netzkonferenz, sein. Am Stand meines Arbeitgebers, der GLS Bank, hätte ich gern Menschen für sozial-ökologisches Banking begeistert und vor allem zahlreiche Menschen, mit denen ich online von lose bis eng vernetzt bin, erstmals getroffen oder wiedergesehen. Doch kaum in Berlin angekommen, erreichte mich der Anruf, dass meine 15 Monate alte Tochter überraschend in die Klinik musste. Binnen Minuten galt es eine Entscheidung zu treffen, die da hieß: Bleiben oder Abreisen.

Ich entschied mich für Letzteres. Wohl wissend, dass die Bank diese Entscheidung ohne Wenn und Aber mittragen und voll und ganz unterstützen würde. Dankbar sitze ich nun also im letzten ICE in Richtung Heimat vor dem morgen beginnenden Bahnstreik. Dieser Rückhalt mag zwar gesetzlich formuliert sein, ist aber in vielen Fällen wie ich weiß nicht immer selbstverständlich. Aber was ist schon selbstverständlich, wenn es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, oder noch genereller, von Privat- und Berufsleben geht? Es gibt so viele Faktoren, die eine Rolle spielen, so viele Unbekannte in einer Gleichung mit zahlreichen Variablen.

Systematische Vereinbarkeitshemmnisse

Einige dieser Faktoren sind systemischer Art. Angefangen bei guten Kinderbetreuungsangeboten vom Kleinkind- bis weit hinein ins Schulkind-Alter. Auch die Möglichkeiten zur Pflege älterer oder erkrankter Angehöriger spielen eine immer größere Rolle in diesem Kontext.

Ein weiterer, ebenso wichtiger Aspekt sind flexible Arbeitszeitmodelle und innerbetriebliche Unterstützungsangebote, die eine gesunde Balance zwischen Familien- und Berufsleben ermöglichen. Sie sollten die Basis bilden, damit Menschen gut und erfüllt ihren Berufen nachgehen können, ohne deswegen auf Kinder und Familie verzichten zu müssen. Doch genau hier krankt es schon gewaltig.

In vielen Regionen sind Betreuungsangebote absolute Mangelware. Das fängt bei viel zu wenigen Kindergartenplätzen im U3-Bereich an, geht über nicht berufskompatible Betreuungszeiten bis hin zu schlechten und nicht in ausreichender Zahl zur Verfügung stehenden nachschulischen oder pflegerischen Betreuungsangeboten. In allen genannten Bereichen gibt es seit langem deutlichen Handlungsbedarf. Derweil wird überall vom (angeblichen) Fachkräftemangel und dem so genannten „War of Talents“ berichtet. Berater_innen und Politiker_innen aller Fraktionen betonen gebetsmühlenartig, dass Unternehmen sich neu aufstellen müssen, um den hohen Ansprüchen der „Generation Y“ künftig zu genügen. Was genau diese Ansprüche sind, darüber gehen die Meinungen und empirischen Erkenntnisse weit auseinander. Fest steht, das Thema Arbeitszeiten und Kinderbetreuung wird in diesem Wettbewerb eine zentrale Rolle spielen.

Aus Sicht der Betroffenen ist es nicht nachzuvollziehen, dass sich hier so wenig tut. Sowohl politisch – wo bei einem Zukunftsfähigkeitsthema ernsthaft mit Sparzwängen argumentiert wird – als auch unternehmerisch, wo in vielen Unternehmen immer noch die Kopf-in-den-Sand-Strategie dominiert. „Für unser Unternehmen lohnt das nicht“, „Unsere Abläufe und Prozesse lassen das nicht zu“ oder „Unsere Mitarbeiter_innen wollen das gar nicht“ sind Sätze, die man landauf, landab immer wieder zu hören bekommt, wenn man mit Managern ins Gespräch kommt.

Vereinbarkeit familiär vereinbaren

Ein weiterer, nicht minder wichtiger Aspekt, liegt abseits des Systemischen in der Privatsphäre. Seltsamerweise wird er nur selten thematisiert, doch ich halte ihn in vielen Fällen für nicht minder wesentlich. Es geht um die Elternebene, auf der oftmals nicht ausreichend geklärt wird, wie man sich den Umgang mit Kindern oder anderen zu betreuenden und versorgenden Personen vorstellt. Vereinbarkeit muss auch vereinbart werden. In unzureichend geklärten Situationen liegt mitunter großes Konfliktpotenzial, das nicht minder schwere Folgen hat, als die systemischen Unzulänglichkeiten. Ich will nicht verhehlen, dass das Eine oft eng mit dem Anderen verknüpft ist. So sind die Entlohnungsunterschiede zwischen den Geschlechtern sowie die immer noch an vielen Stellen vorherrschenden, tradierten Rollenverständnisse sicher ein starker Einflussfaktor, ob Vereinbarungen zwischen Elternteilen am Ende auf gleicher Augenhöhe getroffen werden.

Es ist kompliziert

Um mit den Worten eines bekannten deutschen Bloggers zu sprechen, der auch Familie, Bloggerdasein und eine Arbeit im Angestelltenverhältnis unter einen Hut bringen muss: „Es ist kompliziert“. Komplexe Herausforderungen lassen sich daher auch nicht holzschnittartig und standardisiert lösen, zumal sich bei jedem Menschen die gefühlte Unvereinbarkeit an einem anderen Punkt einstellen wird. Was ist also zu tun?

Zunächst einmal können die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen verbessert werden. Die setzen schon an, bevor Kinder überhaupt das Licht der Welt erblickt haben. So müssten Mitarbeiterinnen, die schwanger sind, konsequent vor jeglichen Repressalien ihrer Arbeitgeber geschützt werden, auch wenn diese durch die Schwangerschaften mitunter vor organisatorische Herausforderungen gestellt sind. Der Staat könnte hier durch finanzielle Entlastungen gerade kleineren Unternehmen entgegenkommen und so Druck aus dem System nehmen.

Zudem sollte das gesellschaftlich ohnehin mit wenig Ansehen gestartete Betreuungsgeld zurückgenommen und für andere, sinnvollere Zwecke eingesetzt werden. Es schafft falsche Anreize. Zum Einen entlastet es den Staat von der Verpflichtung in ausreichendem Umfang für Kinderbetreuungsangebote zu sorgen und zum Anderen werden Kinder, die dringend einer frühkindlichen Förderung bedürfen, weil sie aus prekären Verhältnissen stammen, von ebendieser Möglichkeit ausgeschlossen. Beides können wir als alternde und schrumpfende Gesellschaft nicht wollen.

Vereinbarkeit gibt es nicht umsonst

Vereinbarkeit hat ihren gesellschaftlichen Preis. Entweder wir zahlen ihn heute, in dem wir für ausreichende und vor allem qualitativ gute Betreuungsangebote sorgen, oder wir werden ihn später zahlen, weil wir genau dies nicht getan haben und mit den stetig wachsenden Kosten für eine alternde und nicht mehr fortschrittsfähige Gesellschaft leben müssen. Allein der Begriff „Betreuungsangebote“ führt schon auf den falschen Pfad, denn es handelt sich, wenn man ehrlich ist, um Bildungsangebote. Längst sind Kindertagesstätten und Kindergärten mehr als reine Betreuungs- und Verwahr-Orte. Hier werden die Grundlagen gelegt für das, was unsere Gesellschaft, will sie zukunftsfähig bleiben, mehr denn je braucht: Bildung. Es gilt also, den bislang gesetzlich formulierten Betreuungsauftrag explizit in einen Bildungsauftrag umzuwandeln. Dafür braucht es gute Verhältnis-Schlüssel zwischen erziehendem Personal und zu betreuenden Kindern, aber eben auch eine qualifizierte Ausbildung und nicht zuletzt eine wertschätzende Bezahlung. Hier besteht dringender Handlungsbedarf seitens der Politik. Eltern und die, die es noch werden wollen, sollten das mit lauter Stimme Partei übergreifend einfordern.

Schaut man sich die aktuellen Betreuungszeiten in Kindergärten und Kindertagesstätten an, so muss man feststellen, das sich diese nur in den seltensten Fällen an der Arbeitswelt der Eltern orientieren. Es gibt kaum Einrichtungen wie die KiTa Nidulus  in Schwerin, die Betreuungsangebote für Eltern in Schichtarbeit bieten. Für berufstätige Eltern, die im Schichtbetrieb arbeiten, wird die Organisation so zu einer schier unlösbaren Aufgabe.

Doch nicht nur bei der frühkindlichen Bildung ist Handlungsbedarf. Oft ist es so, dass die organisatorischen Schwierigkeiten erst mit dem Erreichen des Schulalters beginnen. Gerade im Grundschulbereich aber auch darüber hinaus fehlt es an Ganztages-Angeboten. Eltern sehen sich auf einmal erneut vor die Herausforderung gestellt, sich, ihre Arbeit und die Kinder neu organisieren zu müssen. Das Buhlen um die wenigen verfügbaren Plätze führt zudem zu sozialen Konflikten, die so keineswegs gewünscht sein können.

Ein weiteres Thema, das politisch gelöst werden muss, ist die ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern bei gleicher Arbeit und Qualifikation. So lange dieses strukturelle Problem nicht gelöst wird, werden tendenziell eher die Frauen beruflich kürzer treten und den Männern den Vortritt bei der finanziellen Absicherung der Familien lassen. Aktuelle Statistiken zeigen, dass Mütter im Alter von 25 bis 49 Jahren im Schnitt rund 27 Stunden pro Woche arbeiten. Das sind gut 10 Stunden weniger als gleichaltrige Frauen ohne Kind und sogar 15 Stunden weniger als die gleichaltrigen Väter. Neben dem Ausgleich bei der Entlohnung braucht es aber auch einen kulturellen Wandel hin zu einer anderen Teilzeitkultur. Diese ist allerdings viel mehr unternehmerisch als politisch zu denken und gestalten.

Vereinbarkeit unternehmerisch gestalten

Viele Schlüssel, um Beruf und Familie besser miteinander vereinbaren zu können, liegen auf Ebene der Unternehmen. Diese sollten sich viel mehr als Arbeitgeber von Familien begreifen und weniger als Arbeitgeber einzelner Menschen. Erste Unternehmen begreifen sich mittlerweile so und versuchen, ihre Mitarbeiter_innen in ihrer Doppelrolle mit Familie und Beruf bestmöglich zu unterstützen. Sie schaffen entweder, wie zum Beispiel ThyssenKrupp  oder VOITH, selbst betriebsinterne Kinderbetreuungsangebote oder sie kooperieren mit externen Trägern und vermitteln entsprechende Plätze.

Auch die fortschreitende Digitalisierung von Arbeitsplätzen ist ein wesentlicher Gestaltungsfaktor, wenn es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht. Es wird immer einfacher und zunehmend auch ökonomisch attraktiver, Heimarbeitsplätze einzurichten. Durch die Nutzung moderner Videokonferenzsysteme können in Unternehmen mit weit verstreuten Standorten national wie international Reisetätigkeiten verringert werden. Dies dient am Ende nicht nur der Umwelt sondern vor allem auch den Familien, die durch Über-Nacht-Abwesenheiten oftmals stark belastet werden.

Was Unternehmen zu leisten in der Lage sind, wenn sie denn wollen und der Druck ausreichend groß ist, haben in den letzten Wochen die bundesweiten Streiks der Erzieher_innen gezeigt. In vielen Unternehmen, so auch bei uns in der GLS Bank, durften Eltern ihre Kinder mit ins Büro bringen, konnten außer der Reihe von zu Hause arbeiten oder sie wurden bei der Organisation temporärer Betreuungsangebote unterstützt. Auf einmal war Raum für kreative und pragmatische Lösungen. Den sollten alle Betroffenen nicht so schnell wieder auf- und hergeben.

Die Streiks haben aber auch hervorgebracht, dass Eltern selbst gemeinsam vieles in Bewegung setzen können. Nicht immer muss die Politik für die Lösungen sorgen. Schaut man sich an, wie schnell solidarische Betreuungsangebote organisiert wurden, so ist das abseits aller staatlichen Strukturen ein tröstliches Zeichen, wie viel möglich ist, wenn wir Menschen nur wollen.

Fazit

Das Thema der Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird öffentlich und medial viel diskutiert. Doch wenn es um die Umsetzung oder Schaffung der oben genannten Rahmenbedingungen geht, wird es schnell mau. Hier und da gibt es gute Ansätze. Doch über den „Leuchtturmstatus“ kommen viele davon nicht hinaus. Und das muss sich dringend ändern.

Mich persönlich hat es sehr betroffen gemacht, dass das Thema der Vereinbarkeit in der Vorstellungsrunde beim Barcamp Arbeiten 4.0 zwar öfter als eines der drei wichtigen Hashtags genannt wurde, jedoch keine einzige Session explizit dazu stattfand. Es wurde allenfalls allgemein über die so genannte „Work-Life-Balance“ gesprochen, doch die Herausforderung, Beruf und Familie in ein ausgewogenes und für alle Beteiligten fruchtbares Verhältnis zu bringen, wurde dabei allenfalls am Rande gestreift. Auch das zeigt auf frappierende Weise, wie lang der Weg noch ist.

4 Gedanken zu „Vereinbarkeit vereinbaren! Eine persönliche Betrachtung.

  1. Guido Bosbach

    Stimmt – es ist kompliziert.
    Das Gute an “nur” komplizierten Themen ist, dass man sie strukturiert angehen und lösen kann. Die Herausforderung liegt dann – wie hier – vor allem in der Vielzahl der Themen und der Vielzahl der Lösungen. Denn unsere individuellen Bedürfnisse sind ungemein unterschiedlich – so unterschiedlich wie wir Menschen mit unseren Potenzialen und Talenten, denen wir Raum geben wollen (beginnend in Schule und einer dringend notwendigen tiefgehenden Bildungsreform (Hier lohnt ein Blick in das neue Buch von Sir Ken Robinson: “Creative Schools: The grassroot revolution that’s transforming education”), dann in der Ausbildung und den verschiedenen (Teilzeit-)Rollen, die wir als Erwachsene in Privat- wie im Berufsleben einnehmen. Wie wir in diesem Kontext mit neuen Ideen Veränderung bewirken können zeigt beispielhaft Tamdemploy.

    Ein Teil dieser Vereinbarkeit beginnt da, wo wir in Kommunikation über unsere Bedürfnisse und die darin verankerten Grund- und Glaubenssätze zu sprechen beginnen. Wenn wir uns verstärkt darüber austauschen können – mit unseren Kollegen, unserem Arbeitgeber und unserem Umfeld – was wir brauchen, um z.B. den Alltag zu organisieren, sind oft verblüffend viele und oft einfache Lösungen möglich. Diese Lösungen publik zu machen – die kleinen Schritte, die so viel bewirken können, kann dann dazu führen Bewegung in die Sache zu bringen und den Mut zu entwickeln selbst mehr auszuprobieren. Nicht nur im privat-beruflichen Kontext – in dem wir Eltern uns immer wieder befinden – sondern auch in den Organisationen und last but not least der Gesellschaft.

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