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Familienfreundlichkeit 4.0

Die Initiative D21 brachte vor kurzem den D21-Digital-Index 2015 – Die Gesellschaft in der digitalen Transformation – heraus. Die hierfür nötige Befragung der Menschen in Deutschland wurde von TNS Infratest durchgeführt. Neben der Frage, wie sich die digitale Gesellschaft in Deutschland entwickelt hat, gibt es viele spannende Erkenntnisse darüber, welche Einflüsse der Digitalisierung auf die Arbeitswelt zugeschrieben werden. Als einer der großen Nutzen wird unter anderem gesehen, dass durch das Internet die Möglichkeit geboten wird, beruflich flexibler zu sein und damit Beruf und Familie besser vereinbaren zu können. Klar ist, dass es in jeder Hinsicht noch viel Potenzial gibt, das zu nutzen wichtig und sinnvoll ist. In Bezug auf die Familienfreundlichkeit in Betrieben stellt sich vor allem die Frage: wie genau sieht dieses Potential aus und wie kann es “gehoben” werden?

Vielfach wurde in den vergangenen Jahren die familienfreundliche Arbeitswelt in das Thema der Mitarbeiterorientierung inkludiert. Letzteres schließt das erste mit ein und es ist unverzichtbar,  alle Mitarbeiter einzubeziehen. Jeder hat ein legitimes Interesse an der Berücksichtigung des Privatlebens auch im Arbeitsumfeld, ob es nun Kind und Kegel einschließt oder nicht.  Warum nun also sich wieder speziell auf die Vereinbarkeit von familiären und beruflichen Pflichten beziehen? Weil genau dies für eine digitalisierte Arbeitswelt eine zentrale Voraussetzung ist:  Bei zunehmener Technisierung werden die Tätigkeiten, die durch Menschen durchgeführt werden, immer komplexer und verlangen besondere Qualifikationen. Je mehr aber dann von der einzelnen Person abhängt, desto wichtiger ist es, dass diese auch den Kopf frei hat und sich auf das konzentrieren kann, was zu tun ist. Private und berufliche Verpflichtungen sollten also möglichst in Einklang miteinander stehen. Und dabei ist es egal, welche privaten Verpflichtungen es sind: Geht es um die Betreuung von Kindern, die Pflege eines Angehörigen oder die Versorgung eines guten Freundes. Der Familienbegriff weitet sich immer mehr aus und sollte alles umfassen, was uns privat am Herzen liegt und wofür wir uns verantwortlich fühlen.

Dass die Digitalisierung die Vereinbarkeit von persönlichen und beruflichen Verpflichtungen unterstützen kann, ist auch eine zentrale Erkenntnis der BMFSFJ-Studie “Digitalisierung – Chanden und Herausforderungen für die partnerschaftliche Vereinbarkeit von Familie und Beruf”, in der unter anderem als Kernergebnis festgestellt wurde: “Für Beschäftigte sind mobile Arbeitsformen zentraler Bestandteil der NEUEN Vereinbarkeit”

Die Ergebnisse des D21 Index zeigen zwar ein Bewusstsein dazu an, das jedoch noch nicht besonders stark ausgeprägt ist.

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In Bezug auf die Arbeitswelt zeigt sich, dass die Nutzung von Home Office unabhängig davon ist, ob man Familienfplichten zu erfüllen hat oder nicht: “Die Anteile der Nutzer des mobilen Arbeitens sind hier mit 21% (Kinder im Haushalt und 22 % (keine Kinder im Haushalt) fast identisch” (D21 Index 2015, S. 46)

Worin liegt das begründet?

Zunächst ist es die zentrale Voraussetzung, sowohl bei Arbeitgebern und Mitarbeitern ein Bewusstsein dafür zu haben, dass die Digitalisierung genutzt werden kann, um eine bessere Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf zu erlangen. Es muss von allen Seiten gewollt sein, damit eine entsprechende Wirkung erzielt werden kann. Die Herausforderung ist dann, entsprechende Kompetenzen in den Betrieben aufzubauen: Zum einen also von Betriebsseite aus die Förderung von digitalen, agilen Arbeitsweisen und zum anderen die Kompetenz zur Nutzung sowie die Offenheit dafür bei den Mitarbeitern.

Eine weitere Erkenntnis des D 21 Index ist: Es sind die Frauen, die in der Nutzung des Digitalen nach wie vor Nachholbedarf haben. Ist man auch noch älter und von geringerer Bildung, zeichnet sich ein noch düsteres Bild:

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Dies hat neben der Bedeutung im Arbeitsleben natürlich auch gravierende Auswirkungen für die Vermittlung von Medienkompetenz innerhalb von Familien für die Kinder (Familienreport 2014 des BMFSFJ, S. 94 f.)

Trotz starker Aufholjagd seitens der Männer übernehmen aber immer noch haupsächlich Frauen familiäre Pflichten wie Kinderbetreuung und Pflege von Angehörigen. Kennen sie nicht die Möglichkeiten und wissen sie nicht, wie es funktioniert, kann eine Erleichterung durch die Digitaliserung nicht erfolgen.

Bislang schienen die Angebote von Arbeitgebern ihre Mitarbeiter nicht zu erreichen. Insbesondere wenn es um die Kompetenzvermittlung geht, scheinen formale Schulungen nicht das Mittel der Wahl zu sein: Besser als Schulungsinhalte wird das notwendige Wissen selbst (79%) oder durch Hilfe und Tipps von dem direkten Umfeld (Freunde und Bekannt, Kollegen und Familie erlangt. Nicht zuletzt ist das Internet selbst wohl eine bessere Quelle als die “individuellen Schulungsangebote” der Arbeitgeber (D21 Index 2015, S. 45).

Des Weiteren wird am häufigsten als Hindernis für digitales Arbeiten die fehlende Möglichkeit genannt, bei modernen Arbeitmitteln und Arbeitsformen mitzubestimmen. Dies führt natürlich nicht zu einer offenen, motivierten Haltung: Wenn ich nicht weiß, wie es geht, keiner mir zeigt, wie ich es lerne und nicht gefragt werde, was ich für meine Arbeit für gut und richtig halte, werde ich es auch nicht tun.

Positiv ausgedrückt bedeutet das aber auch: Es ist noch viel Luft nach oben. Es gibt offensichtlich noch jede Menge unausgeschöpfter Möglichkeiten gibt, Personen mit Familienpflichten die Arbeit zu erleichtern – erreicht man erst einmal die Betriebe.

Die Form der Wissensaneignung durch jede Form des “Selbststudiums” könnte ein guter Nährboden für interne Kompentenzvermittlung sein: Wenn man lieber auf erfahrene Kollegen zurückgreift als Handbücher zu wälzen oder einen Vormittag die Schulungsbank zu drücken, kann man intern Wissensvermittlung am besten gleich dadurch erreichen, dass man die bereits digital affinen Mitarbeiter von Anfang an in den Prozess der Digitalisierung interner Prozesse einbindet. Immerhin 79 % der Befragten eignen sich ihr Wissen selbst durch Ausprobieren an – sicher auch neben Angeboten des Arbeitgebers weiterhin eine Option, sofern es den Raum und die Zeit dafür gibt sowie die Möglichkeit, Antworten auf ungelöste Fragen zu erhalten. Jan Westerbarkey hat in seinem Beitrag “Daran scheitert die digitale Transformation” sehr anschaulich aufgezeigt, wie die Mechanismen innerhalb von Unternehmen ausgestaltet sind und wie die MItarbeiter sich nicht nur Wissen aneignen, sondern sich auch das Konzept des digitalen Arbeitens zu Eigen machen.

Digitale Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit

Was aber genau aber kann man in einem Betrieb tun, um Familienfreundlichkeit mit Hilfe von Digitalisierung zu erleichtern? Sowohl der D21 Index als auch die Veröffentlichung des BMFSFJ zur Digitalisierung fokussieren sich auf die Möglichkeiten des Home Office. Dies ist sicher die offensichtlichste Möglichkeit, mit Hilfe der Nutzung von z.B. Firmenlaptops zu Hause etwas für die Vereinbarkeit zu erreichen. Das ist sicher richtig – und auch wieder nicht. Von zu Hause aus arbeiten zu können, kommt den Mitarbeitern entgegen. Man spart viel Zeit, wenn der Arbeitsweg wegfällt. Manch einer arbeitet einfach am heimischen Schreib- oder auch Küchentisch besser als im Büro, wo es oft Unterbrechungen durch Telefone und Besprechungen gibt. Diese positiven Effekte, die dadurch entstehen, dass man für die Familie erreichbar ist und trotzdem arbeiten kann, dürfen jedoch nicht ins Gegenteil umschlagen, wenn die familiäre Seite mehr Gewicht bekommt als die beruflichen Verpflichtungen. Wird ein kleines Kind krank und kann nicht in seine Betreuungseinrichtung, kann man schlicht und ergreifend nicht die Erwartung haben, dass ein Abteilungs-Laptop die Erledigung des vollständigen Arbeitspensums sicherstellt. Wo mehr Vermischung von Arbeit und Privatleben entsteht, muss der Arbeigeber damit rechnen, dass das Private manchmal einfach auch Priorität hat – wie auch die Arbeit Priorität hat, wenn unbeding etwas fertig werden muss und die Kinder mit dem Fahrrad zum Sport fahren statt gebracht werden. Es ist Sache der Arbeitskultur, dass man zwar in diesen Fällen grundsätzlich erreichbar sein kann, aber man nicht im wahrsten Sinn des Wortes sich zwischen Fieber messen beim Kind oder der Beantwortung einer dringenden Kundenfrage per mail entscheiden muss.

Was gern in dem Kontext Home Office vergessen wird: Nicht für alle ist ein flexibler Arbeitsort eine Option – weil man z.B. in einer Fabrikhalle, mit speziellen Werkzeugen und Maschinen oder einfach an der Ladenkasse sitzt oder im Krankenhaus bei dem “Kunden” sein muss.

Bild4Allein 21 % der befragten Arbeitnehmer und Selbständigen können laut D21 Index aufgrund ihres Berufes nicht mobil arbeiten.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Der flexible Arbeitsort bleibt sicher eine der zentralen und wirkungsvollen Maßnhame, die viel zur Vereinbarkeit beiträgt – wo möglich. Es darf aber nicht zu einer “Luxusdiskussion” werden, die andere Umstände ausklammert und ignoriert. Dies gilt umso mehr, da im Gesamtindex Personen mit einem hohen Bildungsstand den höchsten Wert von 62,9 % erreichen (D21 Index 2015, S. 32). und vor allem “Menschen mit höherem Bildungsabschluss der Meinung sind, dass das Internet ihnen berufliche Flexibilität und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie bietet (D 21 Index 2015, S. 32) Weniger Qualifizierung darf auch nicht zu weniger Möglichkeiten der Vereinbarkeit führen. Das hilft dem Thema und vor allem den Menschen nicht.

Es gibt nämlich auch andere Möglichkeiten. Bisher beschäftigen sich die Maßnahmen immer eher damit, wie man die Arbeit in das Privatleben “mitnimmt”. Meint man “Arbeiten 4.0” aber ernst, muss es auch anders herum gehen: Standard ist inzwischen die “Familien-Whatsapp-Gruppe”. Schnell lassen sich logistische Fragen wie Abholen, bringen, mitbringen, bestellen von Schulbüchern (solange die Schulen unbedingt auf Papier bestehen) und sonstige alltägliche Kleinigkeiten regeln, ohne wirklich vor Ort sein zu müssen. Auch der Blick ins Gesicht der Kinder über Facetime oder Skype sagt den besorgten Eltern auf Dienstreise, ob es der Familie wirklich gut geht und manch ein Teenager-Liebeskummer kann so auch über hunderte von Kilometern hinweg gelindert werden oder sportlicher Erfolg gefeiert werden. Man ist zusammen – wenn auch nicht unbedingt vor Ort.

Weiter reichende Möglichkeiten zeigen sich bei der Betreuung von pflegebedürftigen Angehörigen, insbesondere älteren Menschen. Der D21 Index zeigt, dass auch ältere Generationen erstaunlich offen sind und diese auch weiter steigt (S. 27). Die Unterstützung von digitalen Hilfsmitteln bei der Betreuung und Pflege älterer Menschen ist unbestritten. Dies geht von dem Kontakthalten mit der Außenwelt über Videotelefonate, Mails und Nachrichten über die Kontrolle von Vitalfunktionen über entsprechende Endgeräte bzw. sogar intelligenten Textilien bis hin zu Pflegerobotern. Wird das “Internet der Dinge” alltäglich, kann dies viel dazu beitragen, betreuuende und pflegende Angehörige zu entlasten. All diese Möglichkeiten werden spätestens genutzt werden müssen, wenn die Baby-Boomer mehrheitlich in das Pflegealter kommen – und es gleichzeitig nicht genug Personen gibt, um dies zu realisieren. Ein Arbeitgeber hat größtes Interesse daran, dass seine Mitarbeiter in diesen Lebensphasen sich nicht vollständig an einer Pflegesituation aufreiben und letztendlich von abgelenkt bis arbeitsunfähig werden. Aktuell ist schon viel möglich – aber noch nicht für die allgemeine Nutzung bereit gestellt oder auch einfach für Privatpersonen zu teuer. Es lohnt sich für Arbeitgeber, die Kosten des Ausfalles der Mitarbeiter gegen die Kosten einer Unterstützung der möglichen Hilfsmittel abzuwägen. Mit Sicherheit ist ein arbeitsfähiger – und sehr dankbarer Mitarbeiter – mehr wert.

Die Möglichkeiten sind vielfältig – und werden immer bunter, je weiter die Entwicklungen fortschreiten und die Menschen diese auch nutzen. Entscheidend ist aber die Haltung und Kultur im Betrieb, wenn man positive Effekte erreichen will. In Gesprächen mit Arbeitgebern von digital arbeitenden Unternehmen fällt mir immer wieder auf, dass diese immer auch familienfreundlich sind – weil sie sehr offen und partizipativ sind und ihre Mitarbeiter mit ihren Fähigkeiten und auch als Privatpersonen wahrnehmen. Es ist eine mitarbeiterorientierte Haltung, die sich Potentiale entfalten lässt und Motivation schafft, gemeinsam in einem Betrieb etwas zu erreichen.

Was läge also näher, als die Familienfreundlichkeit mit Hilfe von digitalen Mitteln weiter zu steigern?

 

2 Gedanken zu „Familienfreundlichkeit 4.0

  1. RalfLippold

    Ich erinnere mich beim Thema Familienfreundlichkeit an Zeiten in den 70er und 80er Jahren, das ZDF hatte gerade seine Zentrale in Mainz-Lerchenberg aufgebaut und war diese am erweitern.

    Hier war Familienfreundlichkeit sowohl durch kurze Wege (ca. 10 min Rad, 5 min Auto) sowie der Möglichkeit des Homeoffice gegeben.

    Über vierzig Jahre später und trotz oder vielleicht sogar wegen digitaler Möglichkeiten und Technologien sind wir in Punkto Familienfreundlichkeit (und nicht nur für Top-Führungskräfte, die außer Tarif bezahlt werden) weit davon entfernt. Besonders hier in Sachsen in den ländlichen Gegenden sind Anfahrtswege von 50 – 100 km (einfach) nicht selten die Regel. Digitalem Arbeiten, das sich per se einer direkten Kontrolle durch den Vorgesetzten durch Sichtkontakt entzieht, wird oft mit dem Argument entgegnet, “Persönlicher Kontakt ist das einzige was zählt!”

    Haben wir als Gesellschaft bereits umfassend verstanden was es heißt neue Medien in der Arbeitswelt ressourcensparend einzusetzen ohne die Freiheiten der MitarbeiterInnen, Gewerkschaften und Arbeitgeberinstitutionen zu beschneiden (auch wenn dies oft ein unbestimmtes Gefühl bei Vielen sein wird)?

    Was fehlt? Wo wollen wir als Gesellschaft hin? Welchen Weg müssen wir einschlagen, um dorthin zu kommen?

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    1. Birgit WintermannBirgit Wintermann Artikelautor

      Lieber Ralf, danke für deinen Kommentar. Tatsächlich geht die Entwicklung langsam voran. Deine Fragen zeigen, dass es noch viel zu erreichen gibt. Vielleicht nutzen wir einfach die digitalen Möglichkeiten, um genau diese Fragen zu diskutieren – und vielleicht auch Lösungen zu finden. LG, Birgit

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